Zuhören und Lernen
- Gunnar Petrich

- vor 3 Tagen
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Ab und zu besuche ich Veranstaltungen der großen Uni in unserer kleinen Stadt: Studium Generale, Konzerte in der Hochschule für Musik, politische Diskussionen und auch die Bibliothek(en). Es ist immer anregend, in den Zeiten des demographischen Wandels einzutauchen in die Welt von Forschung und Lehre und sich zu erinnern, wie man selbst unterwegs war damals mit 18, 20, 25 Jahren. Für Menschen meines Alters gibt es neben dem Gasthörer-Status das sogenannte Programm 50+ und diese Veranstaltungen finden im Gebäude 1165 auf dem Campus statt. Da ich aktuelle Debatten lebhaft verfolge, habe ich mich pragmatisch für "Sprachen" entschieden. Mein Englisch ist passabel, mais mon français par contre très mauvais. Deshalb besuche ich seit über einem Jahr regelmäßig zwei Seminare pro Woche und es macht wirklich viel Spaß.
Free Speech
In beiden Gruppen sitzen spannende Menschen, mit denen es sehr unterhaltsam ist, radebrechend miteinander in fremden Sprachen zu kommunizieren. Denn das ist etwas, was übliche KI-Übersetzungsprogramme der Smartphones und Rechner nicht bieten können. Die Menschen dort sind keine Software, sondern ganz real ehemalige Geschäftsführer und Lehrerinnen, Unternehmerinnen und Bibliothare, Bankangestellte und Hausärzte. Jede und jeder führt sein eigenes Leben mit mehr oder weniger großer Familie, mit Kindern und einer der Teilnehmer verblüffte uns neulich mit einer schönen Geschichte über seine sieben (!) Enkelkinder und wie er versucht, allen gerecht zu werden. In unseren Seminaren sprechen wir nicht nur über die Bedeutung von Vornamen, sondern lesen literarische und/oder Online-Storys, reden über den Klimawandel oder über Gullivers unbekannte Reisen und lernen etwas über französische Komiker wie Coluche in seiner Latzhose oder über die Académie française und wie sie versucht, alte Sprachregeln ins 21.Jahrhundert zu übertragen.
Liberté
Das alles ist einerseits banal, andererseits durchaus politisch. Denn natürlich waren und sind wir alle durch unser Leben und durch unsere Lieben, durch unsere Arbeit und unsere sozialen und beruflichen Kontakte sehr verschieden geprägt und bringen oft völlig verschiedene Blickwinkel mit. Deshalb bekommen manche Gespräche schnell eine politische Ebene. Angenehm politisch, ohne Kulturkampf. Denn auch das gehört dazu und ist selten geworden in der Welt von Social Media, Fake News und l'intelligence artificielle - dass sich wildfremde Menschen in echten Gesprächen über die Realität auseinandersetzen, obwohl sie grundverschiedene Erfahrungen gemacht haben.
Realität
Denn mittlerweile bewegen sich viele nur noch in ihren eigenen "Info-Blasen", die sich in ihren Angeboten und Inhalten deutlich unterscheiden.Ich zum Beispiel interessiere mich überhaupt nicht für Fussball, einer im Seminar engagiert sich aber ehrenamtlich bei Mainz 05 und erzählt darüber. Eine andere engagiert sich seit Jahrzehnten politisch für die CSU und berichtet über ihre Arbeit im Gemeinderat. Wir reden und streiten auch mal über russische Kriegsverbrechen in der Ukraine oder über die Folgen des Klimawandels bei uns. Wir tauschen Meinungen aus, aber nicht anonym, sondern ganz direkt.
Störfall
Neulich sah ich in einem Streamingdienst die fünfteilige HBO-Miniserie "Chernobyl", die sehr eindringlich die Vorgänge rund um den GAU vor über 40 Jahren schildert und in der die brutale Realität der Sowjetunion sehr nüchtern dargestellt wird. Eine Dramaserie über eine Katastrophe, bei der die Folgen der radioaktiven Verstrahlung und die Zahlen möglicher Opfer benannt werden. Zahlen, die ungeklärt bleiben müssen, weil weder die Sowjetunion noch Putins Russland wissenschaftlich valide Studien wollte bzw. ermöglicht hat.
Völlig verstrahlt ...
In Frankreich laufen 57 Atomreaktoren an 18 Standorten, dort beurteilt man die Gefahren der Kernenergie traditonell völlig anders als in Deutschland. Bei uns wurde nach dem GAU in Fukushima beschlossen, auch wegen der ungeklärten Endlagerung die letzten Reaktoren abzuschalten. Inzwischen sehnen sich trotz des Erfolgs der Wind- und Sonnenenergie wieder mehr und mehr Menschen nach Atomenergie. Keine Ahnung warum. Niemand würde gern eins in der Nähe haben wollen.
... im Netz
Wunder erwartet man von sog. SMR, Small Modular Reactor, also kleinen Atomkraftwerken, die ununterbrochen laufen müssten. Dass die meisten Wissenschaftler, Ingenieure und Ökonomen solche Projekte für groben Unfug halten, zählt nicht. Dass sie teurer werden dürften als BER oder Stuttgart 21 und sich vermutlich niemals rechnen würden, ebenfalls nicht. Im Gegenteil: Kurz nach der Mini-Serie sah ich in einer YouTube Dokumentation, dass Radioaktivität angeblich doch nicht so gefährlich sei und dass die Serienautoren 2019 die Gefahren maßlos übertrieben hätten.
Wunder und Wirklichkeit
Die Quelle dieser abenteuerlichen Aussagen wurde nicht genannt, aber dieser "Beitrag" stellte die Gefahr einer Verstrahlung als völlig übertrieben dar. So etwas hätte ich mir gern persönlich von den Machern der YouTube-Story erklären lassen und gern erfahren, wieso sie die größte nukleare Katastrophe aller Zeiten dermaßen verharmlosen. Auf YouTube und im Netz werden solche Streit-Storys (auch zum Klimawandel oder zu Corona) aufgrund von Algorithmen systematisch priorisiert. Denn von solchen Konflikten und Lügen lebt das Netz. Anders dagegen in der Realität. Dort kann und darf man über solche Themen streiten und und Argumente austauschen. So wie in den Debatten, die wir ansatzweise in unseren Seminaren im Building 1165 führen, in denen man sich altmodisch über umstrittene Fragen persönlich austauschen kann - genau mein Ding: Etwas, was unbedingt bleiben soll.




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