Zeitreisen
- Gunnar Petrich

- 18. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Jan.

Regelmäßig radele ich an diesen Ruinen aus der Antike vorbei. Dabei handelt es sich um Überreste einer ehemaligen „Wasserleitung“ - also eines historischen Aquädukts. Erbaut wurde es im ersten Jahrhundert nach Christi und diente der Versorgung der römischen Garnison im damaligen Mongotiacum. Ursprünglich war das Bauwerk wohl bis zu neun Kilometern lang und wurde über die verschiedenen Einschnitte und Erhebungen geführt. Im sog. Zaybachtal erreichte es mit zweireihigen Bögen eine Höhe von bis zu 25 Metern und hat am Ende im Kastell einige tausend Legionäre mit frischem Wasser versorgt. Heute stehen hier nur noch Überreste von 69 Pfeilern aus römischem Zement. Die Macher damals waren clever, sie konnten exakt das richtige Gefälle berechnen und baulich umsetzen, so dass das Wasser aus der Quelle in Finthen (?) nicht zu langsam floss oder unterwegs versickerte.
Römische Ruinen
Jedes Mal, wenn ich hier vorbeikomme, denke ich: Wie mag es damals, vor über 1900 Jahren, hier wohl ausgesehen haben? Welche Menschen waren damals genau hier unterwegs? Und was hat sie bewegt? Was mich immer wieder tief bewegt ist die Haltbarkeit der Konstruktion, die inzwischen weitgehend verschwunden ist oder überbaut wurde. Von den vermutlich neun Kilometern lassen sich nur rund vier Kilometer durch Überreste archäologisch belegen. Am Uni-Sportplatz und im Zaybachtal sind Reste der Pfeiler zu finden - und zu bestaunen. Dass der römische Beton, das „opus caementium“, so haltbar ist, dass er rund 70 Generationen überdauern konnte, grenzt für mich im Jahr 2025 jedesmal an ein Wunder. Ungleich besser erhaltene Ruinen kann man natürlich in Rom, in Trier oder in Palästina bewundern. Auch dort etwa, in Caesarea Maritima, existiert ebenfalls ein Aquädukt und von den überfluteten Kaimauern des Hafens von Caesarea in der damaligen Provinz Judäa weiß man, dass sie nicht nur von den Römern, sondern später auch von den Kreuzrittern genutzt wurden.
Ruinen des Rokoko
Römische Ruinen findet man übrigens in vielen europäischen Parks, unter anderem zum Beispiel auch im Schlossgarten Schwetzingen. Dort allerdings sind sie neu, quasi ein Zitat. So wie die Ruine des römischen Wasserkastells, das von Nicolas Pigage 1778/1779 erbaut wurde. Die Menschen in 17. und 18. Jahrhundert waren süchtig nach der großen Vergangenheit, und erlagen, so wie wir heute, dem Charme der Antike. Also wurden damals griechische oder römische Skulpturen und historisierende Ruinen komplett neu in den Parks erbaut. Diese neuen „alten“ Ruinen findet man überall in Europa und in Deutschland zum Beispiel etwa in Wörlitz oder in München. Dahinter steht die Sehnsucht nach einer idealisierten Welt, die geprägt war von einem erträumten Arkadien mit mystischen Tempeln, Quellnymphen und Aquädukten. Und so wie die Menschen auf diese Weise vor 250 Jahren quasi mal schnell in die Vergangenheit reisten, machen wir es letztlich bis heute. Egal ob in Netflix-Serien oder real in einem Park - so wie die Menschen damals unternehmen wir bis heute "kleine Fluchten" in die Vergangenheit. Und diese schnellen Zeitreisen, egal ob in Schwetzingen oder im Zaybachtal, sind etwas, was unbedingt bleiben soll.




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