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"Vision Zero"

  • Autorenbild: Gunnar Petrich
    Gunnar Petrich
  • 10. März
  • 4 Min. Lesezeit

Meinen ersten Verkehrstoten habe ich im Zivildienst gesehen. Ich war keine 20 Jahre alt, und arbeitete damals als Zivi im Rettungsdienst. Nach einer Schulung wurde ich gemeinsam mit richtigen Rettungssanitätern regulär eingesetzt. In einer meiner ersten Nachtschichten wurden wir kurz vor zwei Uhr geweckt und rasten mit Blaulicht durch die menschenleere Straßen zum Unfallort. Einsätze wie dieser haben etwas sehr Surreales, das Sondersignal verändert alles und man weiß nie, was einen vor Ort erwartet. Nach sieben Minuten waren wir vor Ort und sahen ein zerfetztes Autowrack an einem Baum. Ein Unfall auf einer Allee, der Fahrer hatte wohl die Kontrolle übers Auto verloren und der Aufprall mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Baum endete tödlich. Bäume haben keine Knautschzone. Polizei war vor Ort, ebenso Feuerwehr. In solchen Fällen geht es immer darum, dass kein Benzin und Motoröl ins Grundwasser gelangen. Scheinwerfer leuchteten alles grell aus.


Schlachtfeld Straße


Das Opfer, ein 19jähriger junger Mann, war herausgeschleudert worden und lag auf dem Rücken. Sofort tot. Der Notarzt konnte nichts mehr tun für ihn. Schnell stellte sich heraus, dass das aber wohl der Beifahrer gewesen sein musste und wir suchten nun den Fahrer, der sich möglicherweise schwer verletzt aufs Feld geschleppt hatte und dort irgendwo im Dunkeln sterbend lag. Wir fanden ihn aber nicht, trotz der Suchscheinwerfer. Am nächsten Morgen erfuhren wir es dann: Der Mann hatte überlebt, war irgendwie nach Hause gekommen und wurde dort morgens von der Polizei zur Blutprobe abgeholt. Ich habe später im Zivildienst viele Verkehrsopfer gesehen. Die Straßen waren damals deutlich leerer, und die Autos deutlich unsicherer. Viele hatten nur Sicherheitsgurte. Es gab weder Airbags noch ABS. Entsprechend hoch waren die Opferzahlen und man nahm es hin, dass jährlich rund 15.000 Menschen allein in der alten Bundesrepublik starben. Damals gewöhnte ich mir an, vorsichtiger zu fahren und ich war glücklicherweise nie in einen schweren Unfall verwickelt.


Mein zweiter Geburtstag


Nur einmal wurde ich von einem anderen Autofahrer gerammt. Ich saß damals in meinem alten Mercedes und parkte am Bahnhof, weil ich meine Frau abholen wollte. Ihr Zug hatte sich um zehn Minuten verspätet und folglich blieb ich sitzen und checkte im Auto Mail und Nachrichten auf meinem MDA. Dass mich ein Auto ramme würde, ahnte ich nicht. Plötzlich registrierte ich im Augenwinkel einen schnellen Schatten ganz links im Blickfeld. Im selben Moment rammte der kleine Lieferwagen auch schon meine Fahrertür mit voller Wucht. Glücklicherweise blieb ich unverletzt, durch den Aufprall wurde mein Auto um einen halben Meter versetzt. Totalschaden. Der ältere Streifenbeamte sagte später, ab sofort könne ich immer an diesem Tag meinen zweiten Geburtstag feiern. Denn wäre ich einen Moment früher ausgestiegen, wäre ich höchstwahrscheinlich tot.


Sicherheit ist relativ


Seitdem weiß ich, wie trügerisch all die schönen Clips und Crashs in Super-Slowmotion sind, mit den unschuldigen Dummys, den Airbags und Sicherheitssystemen. Natürlich ist das alles toll, Technik hat das Autofahren viel, viel sicherer gemacht. Und verhindert unendlich viel Leid. Trotzdem starben laut Destatis, dem Statistischen Bundesamt, allein im Jahr 2025 exakt 2814 Menschen bei uns im Straßenverkehr. Sogar zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Inzwischen wird deutlich mehr gerast und gedrängelt und daran, dass tagtäglich fast acht (!) Menschen auf unseren Straßen sterben, haben wir uns gewöhnt. Es sind so viele Opfer wie ein terroristischer Amoklauf. Neulich las ich in der Online-Ausgabe der Zeitung mit den großen Buchstaben die Überschrift „Totraser rast sich tot“. Tragisch. So etwas gibt es auch. Regelmäßig stehen, so wie aktuell in Köln, zwei junge Männer vor Gericht, die sich vermutlich ein Wettrennen geliefert haben sollen und dabei das unbeteiligte Fahrzeug einer Studentin und ihrer Mutter rammten. Beide Frauen waren sofort tot. Die beiden Fahrer überlebten und müssen sich derzeit dafür vor Gericht verantworten.


Milde Urteile


Mich lassen solche Geschichten ratlos zurück. Natürlich wird es gerichtlich geklärt und inzwischen werden solche Taten, wie vor Jahren in Berlin, sogar als Mord bewertet. Aber ein hohes Urteil macht die Opfer nicht mehr lebendig und die Vorstellung, dass meine Liebsten jederzeit von Rasern in den Tod gerissen werden könnten, verdränge ich erfolgreich. Letztlich bin ich oft baff, wie mild häufig Strafen für solche Täter ausfallen, wie schnell im Autoland Deutschland Verursacher allerschwerster Verkehrsunfälle wieder ihren Führerschein erhalten und weiterfahren dürfen. Vor vielen Jahren las ich zum ersten Mal etwas über das sog. Projekt „Vision Zero“ - dabei gehr es nicht etwa um CO2-freie Mobilität, sondern darum, dass es möglichst gar keine Verkehrstoten mehr geben soll. „Vision Zero“ ist ein Projekt, das in Deutschland praktisch unbekannt ist.


Vorbild Helsinki


Kaum jemand hat davon gehört. kaum jemand redet darüber, kaum jemand will es ernsthaft umsetzen. Denn wenn es Wählern und Managern, Verkehrsplanern und Politikern wirklich wichtig wäre, würde würde der Verkehrsraum entsprechend verändert. Fast acht Tote täglich sind in unserem Land der Preis für die „Freie Fahrt für freie Bürger“. Eher werden KI oder die hohen Benzin- und Diesel Preise das verändern. Bislang hat „Vision Zero“ bei uns keine große Lobby. Anders als in Skandinavien In Helsinki in Finnland hat man den kompletten Verkehr entschleunigt und die Bürger davon überzeugt, sich im großen Stil an Tempo 30 zu halten. Man hat Kreuzungen umgestaltet und all diese Maßnahmen zeigen wohl Wirkung - in Helsinki starb 2025 kein einziger Mensch mehr im Straßenverkehr. Das ist etwas, was bleiben soll. Und das wäre ein schönes Ziel für uns.

 
 
 

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