Smartwatch
- Gunnar Petrich

- 9. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Dez. 2025

Seit einigen Jahren trage ich einen dieser Minicomputer an der Hand - eine Uhr, die mich und mein Leben mit vielerlei Sensorik erfasst und in Zahlenform darstellt. Ich gehe davon, dass alle diese Informationen tatsächlich nur in meinem Account landen, denn das ist das Produkt-Versprechen der Produzenten. Wer will, kann seine Daten teilen. Mit Freunden oder Universitäten. Das klingt sinnvoll und da ich persönlich Forscher kenne, vertraue ich dem wissenschaftlichen Fortschritt. Jedenfalls ist das Erfassen einerseits total verrückt, denn es sind ja wirklich nur Zahlen, die letztlich nichts ändern an der Realität. Aber ich kann meine Wirklichkeit und mein Leben in gewisser Weise anhand diese Zahlen besser entschlüsseln und verstehen. Wenn meine Uhr meldet, ich bin so und so viele Schritte gelaufen (so wie gestern 19.681) oder ich habe so und lange geschlafen, dann sehe ich eine Zahl, die aus drei, vier, fünf Ziffern besteht. Diese Ziffern sind spannend, weil ich sie vergleichen kann
Schrittzähler
Als vor einigen Jahren die ersten Modelle auftauchten, habe ich Tracker dieser Art kategorisch abgelehnt. Ich kannte nur die sog. Schrittzähler, das waren Kunstoff-Teile von der Größe einer Streichholzschachtel, die man sich an den Gürtel klippte. In ihnen befand sich ein kleines Metallgewicht, dass sich beim Laufen hoch und runter bewegte und dessen Bewegung mechanisch oder elektrisch quasi als Zahl dargestellt wurde. Dieser Wert war ziemlich ungenau, aber interessant war er trotzdem. Denn er lieferte eine Antwort darauf, wie lang meine Wanderung etwa gestern durch den Pfälzer Wald war. Als dann die ersten Smartwatches auftauchten, war ich hin und hergerissen. Einerseits fand ich das mit der elektrischen Messung und den Sensoren spannend, andererseits fragte ich mich, ob ich immer und zu jeder Zeit meinen Puls erfassen will. Und ich hatte Angst, dass mich diese Zahlen krank machen könnten. Denn ich hatte mal Menschen mit einer sog. Herzneurose kennengelernt und wusste, dass deren Gedanken nur noch um ihr Herz kreisten. Das fand ich damals sehr bedrückend.
Neue Erfahrung
Letztlich siegte meine Neugierde. Da ich einerseits skeptisch bin gegenüber Veränderungen, andererseits aber gleichzeitig ein „early adopter“, also ein Mensch, der neue Dinge gern ausprobiert, zögerte ich zunächst. Doch dann bot der Discounter meines Vertrauens irgendwann ein günstiges Modell an und das erwarb ich.. Es war klein und schwarz, hatte ein Gummi-Armband mit schicken Schlitzen und zeigte auf seinem Mini-Display Uhrzeit sowie Puls und Schritte in kleiner blauer LED-Schrift an. Das Format machte mir den Umstieg leicht. Um diese Zahlen erfassen zu können, musste man die Uhr in einen Adapter einlegen und das ganze via USB mit dem Rechner verbinden. Damit versorgte man den Uhr-Akku mit Strom. Parallel dazu erfasste eine Software die wenigen Werte und stellte sie in einer simplen Tabelle dar. Ich fand das aufregend und lernte sie als das zu deuten, was sie sind: Pure Zahlen.
Gamification
Heute ließe sich so ein solches Produkt vermutlich nicht mehr vermarkten - denn heutige Smartwatches sind etwas völlig anders. Sie liefern immer noch - Zahlen. Unendlich viele Zahlen. Wie viel ich gelaufen bin, wo ich unterwegs war, wie meine Schrittlänge aussieht ist und ob ich sicher oder unsicher laufe. Manche dieser Zahlen sind nützlich, denn sie können anzeigen, ob ich etwa Vorhofflimmern habe oder Schwierigkeiten mit meinem Gleichgewichtssinn. Diese Uhren kommunizieren automatisch via Bluetooth oder WLAN mit digitalen Endgeräten und liefern auf den Displays viele bunte Grafiken und Bilder. Experten sprechen von "Gamification" - darunter versteht man das Sammeln von Punkten, Scores, Fortschrittsbalken, Medaillen etc. All das vermittelt mir meine Uhr. Einerseits.
Leben ist Bewegung
Andererseits. Wenn etwa „Sitzen das neue Rauchen“ ist, wie manche sagen, erinnert eine Smartwatch ihre Nutzer daran, gefälligst mal wieder aufzustehen und sich ausreichend zu bewegen. Ich habe seit Jahren das Gefühl, letztlich zu wenig zu schlafen und und kann nun überprüfen, ob das stimmt und ob sich mein Schlafverhalten im Lauf der Zeit verändert hat. Abgesehen davon, dass ich ein Gefühl dafür bekomme, ob ich mich überhaupt genug bewege. Denn Bewegung, also Veränderung, gehört zum Leben - nicht nur direkt, sondern vor allem im übertragenen Sinn. Und das ist etwas, was bleiben soll. Wer sich nicht mehr bewegt, ist krank. Oder tot.




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