Schoko-Küsse
- Gunnar Petrich

- 19. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Dez. 2025

Ab und zu gönne ich mir einen Schoko-Schaumkuss. Ein kleines Wunderwerk der Lebensmittelindustrie, viel Schaum, fair gehandelte Schokolade und sehr, sehr lecker, finde ich. Nur 93 Kcal hat eines dieser Teile, und ich schätze den leichten, fluffigen Schaum und die zarte und gleichzeitig harte Schokokruste sehr. Wie so oft bei Süßigkeiten muss man gut aufpassen, dass man nicht zu viele isst, sonst tragen sie auf. Aber so ist das im Leben, Grenzen muss man sich selbst setzen, sonst setzen sie andere. Vor einiger Zeit gab es eine große Aufregung, weil sich die einen oder anderen über den neuen Namen aufregten. In meiner Kindheit hießen Schoko-Schaumküsse noch anders. Irgendwann kam es zu einer großen Debatte über koloniale Namen und Begriff - und inzwischen sind Worte wie N....kuss oder M....kopf verschwunden.
Unser Wurzeln liegen in Afrikra
Ich habe die Debatte wirklich nur am Rande verfolgt, sie ist nervig, und na klar, ab und habe ich den alten Begriff aus meiner Kindheit noch selbst verwendet Aber ehrlich gesagt finde ich den neuen Namen viel präziser. Das hängt in meinem Fall vielleicht damit zusammen, dass ich beruflich bedingt in fünf afrikanischen Ländern war. Es waren spannende und aufregende Reisen. Ich habe über junge Christen in Togo, über blinde Menschen in Nigeria, Zuckerrohr-Bauern in Uganda und Eisverköufer in Simbabwe berichtet. Menschen, die völlig anders leben und uns gleichzeitig irgendwie doch ähnlich sind im alltäglichen Leben. Und natürlich war es spektakulär, wilde Tiere in freier Natur zu sehen. Einmal bekam ich Insekten angeboten, fette Maden aus der Pfanne, die ich nicht ablehnen konnte. Sie schmeckten gar nicht übel. Alles eine Frage der Gewohnheit. Und immerhin - sie liefern wertvolle Proteine für Menschen, die sich kein Fleisch leisten können
Die Anhalterin
Da ich allein reiste und häufig unterwegs war, habe ich viele Menschen getroffen und mit ihnen gesprochen. Die meisten waren jung, in Ländern wie Nigeria ist jeder zweite unter 30 Jahre alt. Und als blonder, hellhäutiger Europäer allein unter Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu sein ist interessant. Man fällt sofort auf. Und noch etwas ist anders: Man kann Gesichter nicht richtig deuten. Erst recht nicht im Dunkeln. Will mich jemand berauben? Führt mein Gegenüber etwas Böses im Schilde? Oder ist es ein freundlicher Zeitgenosse, so wie man selbst es sein will. Einmal habe ich während eines heftigen Gewittersregens ganz spontan eine junge Anhalterin mit ihrem Baby mitgenommen. Wir konnten uns nicht verständigen, die 12 km lange Fahrt in dem kleinen Leihwagen verlief völlig unspektakulär, ich konnte nur sehen, dass die junge Mutter ihr Baby beruhigte und dass sie Angst vor mir hatte.
Warum nicht alles bleiben soll
Gewalt ist in vielen afrikanischen Ländern allgegenwärtig, in vielen Staaten bereichern sich Warlords mit ihren Gangs gnadenlos. Ich hatte Glück und war in relativ friedlichen Gefilden unterwegs und traf viele sympathische Menschen, die klug sind, höflich und neugierig. Manche haben offen geredet und sich zutiefst geschämt für ihre korrupten Eliten. Letztlich habe ich eines begriffen - egal ob Simbabwe, Uganda oder Nigeria: Die meisten Afrikaner, die in diesen Ländern leben, leiden bis heute unter den Folgen des Kolonialismus, zutiefst ungerechten Rechts- und Besitzverhältnissen und unter unfairen Handelspraktiken. Schoko-Küsse wird man in Afrika vermutlich nur selten finden. Dass sie nicht mehr N...küsse oder M...köpfe heissen, finde ich persönlich gut. Denn das sind Begriffe, die ich nicht vermisse - das ist etwas, was nicht bleiben soll.




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