Lebenskunst
- Gunnar Petrich

- 17. Okt. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Dez. 2025

Vor einer Woche war ich zum ersten Mal seit Jahren wieder mal in Frankreich. Gemeinsam mit einer Reisegruppe im Rahmen meines Sprachprogramms. Manche wundern sich vielleicht, dass viele noch mit Ende 60, Anfang 70 eine neue Sprache lernen wollen oder alte Sprachkenntnisse auffrischen. KI sei doch so praktisch, sagen sie, und es gibt Software, die das angeblich relativ locker lösen kann. Ist aber nicht das gleiche - denn sich in einer anderen Sprache, in einem anderen Land mit dieser Sprache zu bewegen, französisch zu denken, eröffnet einen völlig neue Perspektiven. Ich habe es genossen, in Dijon unter Galliern zu sein. In einem Land, das einerseits in seiner großen Geschichte ruht, andererseits in einer schweren politischen Krise steckt. Auf jeden Fall aber in einem Land, das nicht nur ästhetisch mutig war - und ist.
Sie trauen sich was
Denn als ich das Treppenhaus in unserm Gästehaus an der Uni betrat, war es wieder da, dieses Gefühl, dass ich von früher kenne und liebe. Das Treppenhaus in unserem Hotel war komplett orange. Man öffnete die Tür - und wow - fühlte sich wie in einem Raumschiff. Oder einem Bällebad. Jedenfalls in einer etwas anderen Realität. Natürlich war das nur ein kurzer Moment, wir hatten ein dichtes Tagungsprogramm mit vielen Terminen, trafen spannende Menschen, die sich für den deutsch-französischen Austausch stark machen und lernten also unglaublich viel in diesen wenigen Tagen.
Erinnerungen an vergangene Zeiten, an "temps perdu"
Unter anderem über Pragmatismus - und Mut. Vor über 120 Jahren haben sie einfach mitten in Paris einen über 300 Meter hohen Turm aus Stahl gebaut, der bis heute DAS Symbol Frankreichs ist und für Chinesen sicher eins für Europa. In den 40er, 50er, 60er Jahre entwickelten Franzosen für ihre Zeit hochmoderne Autos wie den 2 CV oder den R 4 und sorgen dafür, dass sich viele Menschen, nicht nur ein Auto leisten konnen (so wie in den USA oder in Deutschland) sondern nebenbei sogar dank Heckklappe und Stoffdach locker ganz viel transportieren konnten. So wie das sprichwörtliche Schwein, das im Lastenheft der "Ente" steht.
Mehr Raum für Menschen
In den französischen Schulküchen, hörte ich, sind mittags drei Gänge üblich. Schüler sollen lernen, Zeit zu haben fürs Essen und Reden. Weil das zur Kultur dazugehört. In einem ganz guten Restaurant in Beaune sah ich mittags normale Monteure in Arbeitsklamotten beim Diner. Und die schnellen TGV fahren mit 320 km/h durchs Land. Und kommen pünktlich an. Französische Verkehrspolitik ist mutig - und anders. Während man in Deutschland über Radwege und den irrsinig teuren Ausbau der Berliner Staustrecke A 100 streitet, haben sie in Paris einfach ganz viel Straßen rund um die Seine gesperrt. Dort kann man nun wieder flanieren. Auch in Dijon haben sie die historische Innenstadt und Teile der Uni von Autos "befreit". Raum für Menschen, nicht für Motoren. Orangene Zeiten also in Häusern und auf Straßen - und etwas, was bleiben soll.




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