In jener Zeit
- Gunnar Petrich

- 26. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Der Besuch eines Gottesdienstes kann sich immer lohnen. Ich war, mit weit über 1.000 anderen Menschen, am Heiligabend im Mainzer Dom. Der war sehr gut besucht, und ich musste, wie viele andere, stehen. Trotzdem war ich tief beeindruckt von dieser festlichen Christmette. Obwohl ich als Protestant einer völlig anderen Tradition entstamme, war es ein schönes Gefühl, mit so vielen „normalen“ Christen einen Gottesdienst an einem Ort zu feiern, der eine eigene Aura hat. Und es lag natürlich nicht nur am Ritus und am exzellenten Domchor, sondern auch den Worten des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf. Der Kirchenmann erinnerte in seiner Predigt an den Anfang des Lukas-Evangeliums, das mit dem schlichten Satz beginnt: „In jener Zeit …“ Dies, so Kohlgraf, sei eine Erinnerung daran, dass es sich nicht um ein „Märchen“ handelt, sondern um ein historisches Ereignis, über dass man nicht streiten kann. Ort und Jahr sind zwar nicht völlig sicher, die Geburt Jesu als Ereignis aber schon.
Hass im Netz
Und damit sind wir an einem Punkt, warum selbst solche banale Aussagen inzwischen wichtig geworden sind. Denn in den USA wurden zur gleichen Zeit zwei deutsche Frauen, die gegen Hass im Netz kämpfen, zu „radikalen Aktivistinnen“ erklärt. Für sie wurde sogar ein „Einreiseverbot“ verhängt, sie werden also künftig kein Visum erhalten. Der gleiche Bann traf übrigens den ehemaligen EU-Kommissar Thierry Breton, der in seiner Wirkungszeit den Digital Service Act (DSA) durchgefochten hat. Im DSA geht es im Prinzip darum, dass nicht jeder das Netz für seine "Wahrheiten" missbrauchen darf. Denn dort wird die Realität massiv verzerrt. Im Netz existiert eine Realität unter Einfluss von Algorithmen und KI. Jeder darf alles behaupten. Und weil es gut ist fürs Geschäft und weil es die Netzbetreiber so wollen, werden vor allem abstruse und radikale Meinungen priorisiert. Inzwischen ist ein gigantisches Parallel-Universum entstanden, in dem Trolle sich austoben dürfen, in dem mutmassliche Kriegsverbrecher zu Verbündeten werden oder Menschen, die gegen Hass im Netz kämpfen, zu angeblichen "Zensoren" erklärt werden. Im Grunde ist es wie in George Orwells Roman „1984" - es wird eine neue Realität konstruiert, die total volatil ist, also jederzeit verändert werden kann.
Fake Accounts
Ich kenne Menschen, die auf einer Polizeiwache versucht haben, für ihre Kinder eine Anzeige gegen „Hass im Netz“ zu erstatten. Dabei ging es „nur“ um einen einzigen „Fake Account“ und um Beleidigungen sowie verletzende Äußerungen darin. Der junge Polizei war gut geschult, er konnte den Eltern genau erklären, was an diesem Fall justiziabel ist und was nicht. Unseren Bekannten und ihren Kindern hat das Vorgehen geholfen - es folgte durch die Polizei eine sog. Täter-Ansprache. Die Akteurin, ein Mädchen, 15 Jahre alt, das natürlich ohne Klarnamen agierte, hat sich später dafür sogar entschuldigt. Ob dies in den USA in dieser Form möglich wäre, weiß ich nicht. Was ich aber weiß: In den sog. „Sozialen Medien“ herrschen brutale Sitten. Nicht ohne Grund sprechen viele deshalb von „Asozialen Medien“. Wer sich gegen Fake-News in den Netzen einzelner Anbieter wehren will, wird häufig von den Deutschland-Zentralen nach Irland und von dort in die USA verwiesen, wie immer wieder nachzulesen und nachzuhören ist. Klagen sind selten erfolgreich und weltweit greifen deutsche und EU-Gesetze wie der DSA sowieso nicht.
Realitätsverdrehung
Stattdessen wird gesagt: Wer gegen die weit verbreiteten Lügen und den „Hass im Netz“ kämpft, zensiere angeblich „amerikanische Meinungen“ - auch wenn diese völlig abstrus erscheint. Wenn man - wie etwa beim Impfen oder beim Klimawandel - die Akteure stoppen will, gelten wissenschaftliche Fakten als „Hoax“ bzw. als „größte Lüge aller Zeiten". Es ist erschreckend, wie weit die Dehnung und Verdrehung der Wirklichkeit inzwischen im Netz gediehen ist. Umso beeindruckender also, wenn ein Bischof in Mainz in einer Christmette daran erinnert, wie entscheidend einzelne Worte sind , um an Wahrheiten zu erinnern. Denn darum geht es - um die Verteidigung von Wahrheiten in einer Welt voller Lügen. Eine Verteidigung, die unbedingt bleiben muss.




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