Hoffnungszeichen
- Gunnar Petrich

- 25. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Gestern habe ich es gesehen - das erste Schneeglöckchen. Mitten im eiskalten Januar, ein netter Nachbar hat es mir gezeigt. Was für ein schönes Bild. Und jedes Jahr wiederholt sich das gleiche Spektakel. An manchen Häusern hängen noch Herrnhuter Sterne, in Gärten leuchten noch elektrische Lichterketten in den Nadelbäumen - aber dazwischen kämpfen sich die ersten Blüten durchs Laub vom letzen Herbst. Fast trotzig wirken diese filigranen Blüten, und doch sind sie ein Zeichen von Stärke: Letztlich siegt die Natur. Selbst wenn die Luftqualität miserabel ist und selbst, wenn die Kälte die Nordhalbkugel fest im Griff hat.
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29 Grad minus
Vorgestern bekam ich einen Screenshot aus Kanadas Haupstadt. Dort herrschen aktuell nachts Temperaturen um minus 29 Grad Celsius. So tiefe Temperaturen habe ich persönlich noch nie erlebt und kann sie mir - ehrlich gesagt - nicht vorstellen. Weder die Temperaturen noch die Winterstürme, die teilweise dort übers Land fegen. Es fehlen die Gebirgszügen in Ost-West-Richtung, die die Arktisluft abbremsen, habe ich in der Schule gelernt. Jedenfalls ist es richtig kalt. Aber da das alltägliche Leben dort auf Kälte im Winter ausgerichtet ist, nehmen es die Menschen als das, was es ist - als etwas, was sich jedes Jahr mehr oder weniger ähnlich wiederholt. Es funktioniert alles und er habe, schrieb mein Freund, bei diesen Temperaturen vor seinem Wohnhaus auf der Straße sogar einen Mann mit Shorts sowie eine Frau in Gym-Hose und Sport-Top gesehen. Unglaublich ...
Kanada
Aber mehr Kummer, als die Frage, ob diese Temperaturen in Nordamerika nun "normales" Wetter oder eine Folge des Klimawandels sind, bereitet mir und Millionen anderen Menschen die aktuelle Weltlage mit ihrem Krieg mitten in Europa und mit Mächtigen, die sich einfach nehmen wollen, was sie besitzen möchten. Egal ob es um die Ukraine geht oder um Grönland - ehrlich gesagt lähmen mich zurzeit unsere amerikanischen "Freunde". Die Leute rund um einen kranken Präsidenten, seine Helfershelfer und Sympathisanten setzen mit ihrem Vorgehen viele der "Werte" außer Kraft, die mein Leben geprägt haben und bis heute prägen. Werte, die ich übrigens anderen Amerikanern verdanke.
Davos
Auch mich, damals, in einem Flüchtlingslager, in dem ich als Kind tolle Geschenke von der Ostküste erhielt. Und später, als ich Worte wie "Checks and Balances, also "Gewaltenteilung", kennen und lieben lernte. Oder der große Martin Luther King und das Nachdenken, wie sehr Sklaverei und Rassismus unsere Welt vergiftet haben - und bis heute vergiften. Es geht aber nicht um "Dreams", also um Träume, sondern aktuell wird um "values", also um "Werte" gekämpft. Ein wichtiges Wort, das ein Kanadier neulich auf dem Weltwirtschaftsforum prominent verwendet hat. Mark Carney kommt aus den Northwestern Territories und war mal ein erfolgreicher Banker, doch inzwischen ist er der Premierminister seines Landes und sagte in seiner tollen Rede in Davos deutlich, worum es letztlich geht.
Wichtige Werte
"Wir verlassen uns nicht mehr nur auf die Stärke unserer Werte, sondern auch auf den Wert unserer Stärke. Wir bauen diese Stärke in unserem eigenen Land auf. ... . Wir haben Werte, nach denen viele andere streben." So einfach ist es. Carney beschreibt, wie wichtig Werte sind und erklärt damit gleichzeitig, was "wertvoll" ist - und was nicht. Zum Beispiel ist es sicher nicht "wertvoll", sich Bodenschätze oder Ölquellen eines anderen Landes mit Gewalt "anzueignen" und ebensowenig ist es "wertvoll", sich mit nachgedruckten vergoldeten Bibeln die eigenen Taschen zu füllen. Es ist bestimmt nicht "wertvoll", wenn eine Polizeitruppe sogar Kinder einfängt oder wenn zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit ein Mensch erschossen wird, ohne das eine unabhängige Justiz die Zusammenhänge klären kann oder darf.
Ende des Humanismus?
"Wertvoll" ist auch nicht die Fixierung auf "goldene Zeiten" und bestimmt nicht "wertvoll" sind die extrem hohen Goldkurse, auch wenn sich Anleger darüber freuen dürfen. Im Gegenteil, diese Kurse sind ein deutliches Signal dafür, wie labil die Wirtschaft aktuell ist. Beim Lesen eines Schulbuchs meiner Tochter habe ich mich mal wieder mit der Zeit des Humanismus beschäftigt. Es geht um Menschlichkeit und um Bildung, also um Werte aus der Antike bzw. aus dem 16.und 17. Jahrhundert, die im 21.Jahrhundert in vielen Ländern keinerlei Rolle mehr spielen. Manche behaupten sogar, solche Werte seien "woke". Dabei sind die Werte des Humanismus und der Aufklärung die Werte, die unbedingt bleiben sollen. Nein, es sind die Werte, die bleiben müssen.




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