Hauskonzert
- Gunnar Petrich

- 15. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. März

Heute war ich in einem ganz besonderen Konzert - und es war wieder einmal unglaublich bewegend. Zwei Musiker versammelten 23 andere Menschen aus der nahen und fernen Nachbarschaft um sich und spielten im häuslichen Rahmen Werke von Vivaldi, Mozart und Grieg. Sie interpretierten Werke, die die Zuhörer unmittelbar ergreifen in ihrer Intensität. Mich berührte das sehr, weil ich mitten in diesen Klängen saß. Es war eine kleine Zeitreise ins 17, 18, und 19. Jahrhundert, also in Epochen, die weit, weit weg sind. Es erklangen Klänge aus vergangenen Zeiten, die nichts verloren haben von ihrer Kraft und Schönheit. Ich hörte eine Violine und ein Klavier ohne Verstärker, ohne Strom, ohne KI. Es war, wie man heute so sagt, "immersiv": Also wie ein "Eintauchen" in eine andere Welt.
Movements
Um diese Musik besser verstehen zu können ist es hilfreich, wenn man ähnliche Werke schon vorher einmal gehört hat. Denn diese Werke wurden seinerzeit in sog. "Sätzen" notiert. Diese "Sätze" folgen bestimmten Regeln, etwa einem Tempo oder einer Idee und haben traditionell häufig italienische Namen wie Andante, Allegro, Adagio, Presto etc.. Die "Sätze", oder engl. "movements", sind in sich abgeschlossene Abschnitte, die ein Gespräch oder ein musikalisches Thema darstellen und sie "funktionieren" wie ein gesprochener Satz, der ja meistens (!) einen Gedanken wiedergibt. Wenn man diesen Hintergrund kennt, versteht man Werke dieser Komponisten besser. Und dadurch können die "Sätze" einer Sonate oder einer Symphonie so anregend sein wie ein tolles Gespräch.
Pausen
Beim heutigen Hauskonzert gab es auch eine Pause, in der sich alle mehr oder weniger gut unterhalten haben. Auch nach der Zugabe. Obwohl wir keine Briten sind, sprachen wir übers Wetter. Und unterhielten uns über die Kinder und Enkelkinder, über das Leben der Komponisten und warum die einen erfolgreich waren, andere weniger. Wir redeten über Bildungspolitik und über aktuelle Ausstellungen und unterhielten uns über Rezepte für eine leckere Quiche oder über Haustiere und warum sie uns Menschen glücklich machen. Ich kannte viele der Gäste vom Sehen und dachte darüber nach, über welche Themen sich die Menschen früher in den sog. "Salons" unterhalten haben. Es waren sicher nicht nur Gespräche über wichtige ästhetische, philosophische oder politische Fragen, sondern man unterhielt sich damals in den großen Salons ebenfalls über ganz banale Alltagsthemen.
Terror
Während unseres Hauskonzerts musste ich einmal kurz an die traurige Geschichte von Karlrobert Kreiten denken: Der hochbegabte Pianist wurde am 7. September 1943, also mitten im Zweiten Weltkrieg, in Berlin-Plötzensee an einem Fleischerhaken aufgehängt, nachdem er sich im Mai 1943, während eines privaten Hauskonzerts, in Düsseldorf abfällig über Hitler geäußert hatte. Kreiten war von einer Besucherin denunziert worden und wurde vier Monate später ermordet, gemeinsam mit rund 200 anderen Gefangenen, während der sog. "Plötzenseer Blutnächte". Das alles geschah vor über 80 Jahren und wer die Berliner Gedenkstätte einmal besucht hat, vergisst sie nie wieder. Und während wir bei Minusgraden dankbar und glücklich diese wunderschöne Musik in einem friedlichen Hauskonzert hören und genießen konnten, sterben zur gleichen Zeit in der Ukraine tagtäglich Zivilisten infolge der brutalen russischen Raketen- und Drohnenangriffe. Letzte Woche habe ich etwas gelernt, das mir sofort einleuchtete. Früher hörte man häufig die Forderung: Nie wieder Krieg! Inzwischen habe ich eine bessere Variante kennen gelernt: Nie wieder wehrlos! Ein Satz, der unbedingt bleiben soll.




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