top of page

Großer Fluß

Autorenbild: Gunnar Petrich
Gunnar Petrich
24. Mai
3 Min. Lesezeit
Roter Adirondack Gartenstuhl rot auf einem Deck am Ottawa River

Vor genau einem Jahr war ich in Kanada und besuchte einen Schulfreund. Es war eine gemütliche Reise, fast wie ein Familienbesuch. Mein Freund holte mich in Montréal ab und wir fuhren danach zu ihm nach Ottawa. Gemeinsam erinnerten wir uns an den durchgeknallten Physiklehrer in der Oberstufe oder an den tollen Jazzclub in Mannheim und die Midnight-Sessions oder daran, wie wir per Interrail nach Irland und ein anderes Mal nach Griechenland gefahren waren. Das war in den Zeiten vor den billigen Flügen, die Züge waren voller Backpacker und wir waren uns einig, es waren vermutlich unsere schönsten Reisen ever. Heute sind viele der Buchten, die wir damals auf Kreta komplett für uns allein hatten, zugepflastert mit Hotelanlagen und Pools und die weißen Sandstrände von Irlands Westküste haben sich ebenfalls völlig verändert.


"Great White North"


Kanada ist atemberaubend, und übrigens 28 mal größer als Deutschland, hat inzwischen rund 42 Millionen Einwohner und erlaubt die Einwanderung von jährlich 400.000 Menschen. Mit allen Problemen, aber auch mit allen Chancen. Kanada ist eine konstitutionelle Monarchie, Charles III ist offizielles Staatsoberhaupt, und sie haben mit Mark Carney einen sehr fähigen Premierminister und klugen Liberalen. Ich selbst wollte mal vor vielen Jahren dauerhaft dorthin auswandern, da hatten sie auf der Homepage einen Fragebogen mit einem Punktesystem, ich hätte mich erfolgreich bewerben können. Glücklicherweise bin ich in Europa geblieben und der angeblich "alte" Kontinent ist in meinen Augen sowieso unschlagbar in vielerlei Hinsicht: politisch, ökonomisch, ökologisch, sozial, kulturell und, und, und. So etwas ist offensichtlich in den Zeiten von Putin, Trump und Chi


Entfernungen und ...


"Le Canada", wie es in Québec heisst, ist bilingual, also englisch und französisch, und ein spannendes Land mit spannenden Menschen und gleichzeitig mit geografischen Dimensionen, die unsere Vorstellungen sprengen. Von Ottawa nach Vancouver sind es über 4.300 km, in die andere Richtung, etwa in den Nationalpark Forillon in der Gaspésie an der Atlantikküste, über 1.130 km. Ich hatte leider im Mai 2025 Pech mit dem Wetter, es regnete tagelang ununterbrochen und so verlief das touristische Begleitprogramm etwas anders als geplant.


... Natur pur


Trotzdem war es toll. Ich war in Ottawa viel allein zu Fuß unterwegs. Auf diese Weise erlebt man alles intensiver, sieht mehr vom Alltag der Menschen, wie sie leben, oder wer im Bus mitfährt oder wer lieber im tagtäglichen Stau steht. Und wie teuer etwa Gemüse oder Obst ist, selbst dort, im Mai 2025. Mein fast täglicher Weg führte mich an den großen Fluss und dort, am Sir-George-Etienne-Cartier Parkway, steht das über 100 Jahre alte hölzerne River House auf Stelzen im Wasser mit den roten Adirondack Stühlen auf dem Deck im ersten Stockwerk. Der Riviére de Outaouais, wie ihn die Québécois nenne, ist mächtig und mündet später bei Montréal in den ungleich mächtigeren Sankt Lorenz Strom.


Freies Leben


Egal, ob bei Sonne oder im Regen, der große Fluss hat mich tief beeindruckt. Ich saß in den bequemen Stühlen mit einem Kaffee to go und einem Brownie, einem Kindle und einem iPad, las zwischendurch Orwells "1984" oder schrieb Ideen auf in meinen "Notizen". Unterhielt mich mit Einwanderern aus Cameroun und schaute Zimmerleuten aus Québec zu, die die Holzdecks des Flussschwimmbads vorbereiteten für den Badebetrieb im Sommer. Die französischen Einwanderer, die bereits 1608 Neufrankreich gründeten (12 Jahre vor den Puritanern in Plymouth) träumten, so wie die englischen Siedler, von einem freien Leben und beide Provinzen, Québec und Ontario, entwickelten sich nebeneinander in einem Land, in dem bereits andere Menschen lebten.


First Nations


In Kanada bemüht man sich deutlich um das Erbe der Indigenen Völker, also der First Nations bzw. les Premières Nations, wie man die Menschen nennt, die vor den Europäern dort lebten. Im Nationalmuseum kann man ihre Geschichte kennenlernen und ihre grafische Schrift mit den Punkten sehen, sie waren einfach zu wenig, um die europäischen Einwanderer dauerhaft aufzuhalten. Begriffe wie Indianer oder Inuit werden heute von vielen dort als unangemessen empfunden, ich kann das nachvollziehen. Es gibt Parallelen zu Grönland, aber das ist eine andere Geschichte.


Ehrfurcht


Aber diese koloniale Vorgeschichte, sie spielte sowieso keine Rolle für mich dort oben in einem der roten Adirondack-Stühlen, in denen ich an diesem großen Fluß saß, und über die Welt und mein Leben nachdachte und einfach nur Ehrfurcht empfand gegenüber der Schöpfung. In "le Canada", einem Land, das uns einerseits manchmal sehr ähnlich, andererseits aber doch so völlig verschieden ist von unserer eigenen Heimat hier. Es ist ein Land im Aufbruch, und wer weiß, angesichte der unsicheren Weltlage werden sich die Kanadier vielleicht sogar uns Europäern noch mehr annähern. Für uns wäre das auch gut. Denn wir teilen nicht nur unsere Geschichte - sondern auch viele Werte.




 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen

kontakt​​

​

+49 (0) 160 - 9333 1181

kontakt@was-bleiben-soll.de ​

​

​

impressum

 

angaben gemäß § 5 TMG

gunnar petrich

journalistenbüro für familiengeschichten

pfarrer-stockheimer-str. 34 

55128 mainz
 

kleinunternehmer gemäß § 19 UStG​

vertretungsberechtigt

gunnar petrich  

​

verantwortlich f. inhalt nach § 55 Abs. 2  RStV 

gunnar petrich

journalist

pfarrer-stockheimer-str. 34 

55128 mainz 

​

ich bin grundsätzlich nicht bereit und verpflichtet, an einem streitbeilegungs-verfahren vor einer verbraucherschlichtungs-stelle teilzunehmen. bis Sommer 2025 hatte die europäische kommission noch eine plattform zur online-streitbeilegung (os) bereitgestellt. diese plattform ist unter dem alten Link nicht mehr erreichbar:

http://ec.europa.eu/consumers/odr/.

​​​​​​

trotz sorgfältiger inhaltlicher kontrolle übernehme ich keine haftung für die inhalte externer links. für die inhalte verlinkter seiten sind ausschließlich deren betreiber verantwortlich. eigene texte wurden ohne ki erstellt, die agb stammen vom djv ​

​

die durch den seitenbetreiber erstellten Inhalte und werke auf dieser website unterliegen dem deutschen urheberrecht. vervielfältigung, bearbeitung und verbreitung außerhalb der grenzen des urheberrechtes bedürfen der schriftlichen zustimmung des jeweiligen autors bzw. erstellers. dies gilt ebenfalls für sämtliche fotos dieser webseiten.

​​

​

©  2026  gunnar petrich 

​
​

​

bottom of page