Großer Fluß


Vor genau einem Jahr war ich in Kanada und besuchte einen Schulfreund. Es war eine gemütliche Reise, fast wie ein Familienbesuch. Mein Freund holte mich in Montréal ab und wir fuhren danach zu ihm nach Ottawa. Gemeinsam erinnerten wir uns an den durchgeknallten Physiklehrer in der Oberstufe oder an den tollen Jazzclub in Mannheim und die Midnight-Sessions oder daran, wie wir per Interrail nach Irland und ein anderes Mal nach Griechenland gefahren waren. Das war in den Zeiten vor den billigen Flügen, die Züge waren voller Backpacker und wir waren uns einig, es waren vermutlich unsere schönsten Reisen ever. Heute sind viele der Buchten, die wir damals auf Kreta komplett für uns allein hatten, zugepflastert mit Hotelanlagen und Pools und die weißen Sandstrände von Irlands Westküste haben sich ebenfalls völlig verändert.
"Great White North"
Kanada ist atemberaubend, und übrigens 28 mal größer als Deutschland, hat inzwischen rund 42 Millionen Einwohner und erlaubt die Einwanderung von jährlich 400.000 Menschen. Mit allen Problemen, aber auch mit allen Chancen. Kanada ist eine konstitutionelle Monarchie, Charles III ist offizielles Staatsoberhaupt, und sie haben mit Mark Carney einen sehr fähigen Premierminister und klugen Liberalen. Ich selbst wollte mal vor vielen Jahren dauerhaft dorthin auswandern, da hatten sie auf der Homepage einen Fragebogen mit einem Punktesystem, ich hätte mich erfolgreich bewerben können. Glücklicherweise bin ich in Europa geblieben und der angeblich "alte" Kontinent ist in meinen Augen sowieso unschlagbar in vielerlei Hinsicht: politisch, ökonomisch, ökologisch, sozial, kulturell und, und, und. So etwas ist offensichtlich in den Zeiten von Putin, Trump und Chi
Entfernungen und ...
"Le Canada", wie es in Québec heisst, ist bilingual, also englisch und französisch, und ein spannendes Land mit spannenden Menschen und gleichzeitig mit geografischen Dimensionen, die unsere Vorstellungen sprengen. Von Ottawa nach Vancouver sind es über 4.300 km, in die andere Richtung, etwa in den Nationalpark Forillon in der Gaspésie an der Atlantikküste, über 1.130 km. Ich hatte leider im Mai 2025 Pech mit dem Wetter, es regnete tagelang ununterbrochen und so verlief das touristische Begleitprogramm etwas anders als geplant.
... Natur pur
Trotzdem war es toll. Ich war in Ottawa viel allein zu Fuß unterwegs. Auf diese Weise erlebt man alles intensiver, sieht mehr vom Alltag der Menschen, wie sie leben, oder wer im Bus mitfährt oder wer lieber im tagtäglichen Stau steht. Und wie teuer etwa Gemüse oder Obst ist, selbst dort, im Mai 2025. Mein fast täglicher Weg führte mich an den großen Fluss und dort, am Sir-George-Etienne-Cartier Parkway, steht das über 100 Jahre alte hölzerne River House auf Stelzen im Wasser mit den roten Adirondack Stühlen auf dem Deck im ersten Stockwerk. Der Riviére de Outaouais, wie ihn die Québécois nenne, ist mächtig und mündet später bei Montréal in den ungleich mächtigeren Sankt Lorenz Strom.
Freies Leben
Egal, ob bei Sonne oder im Regen, der große Fluss hat mich tief beeindruckt. Ich saß in den bequemen Stühlen mit einem Kaffee to go und einem Brownie, einem Kindle und einem iPad, las zwischendurch Orwells "1984" oder schrieb Ideen auf in meinen "Notizen". Unterhielt mich mit Einwanderern aus Cameroun und schaute Zimmerleuten aus Québec zu, die die Holzdecks des Flussschwimmbads vorbereiteten für den Badebetrieb im Sommer. Die französischen Einwanderer, die bereits 1608 Neufrankreich gründeten (12 Jahre vor den Puritanern in Plymouth) träumten, so wie die englischen Siedler, von einem freien Leben und beide Provinzen, Québec und Ontario, entwickelten sich nebeneinander in einem Land, in dem bereits andere Menschen lebten.
First Nations
In Kanada bemüht man sich deutlich um das Erbe der Indigenen Völker, also der First Nations bzw. les Premières Nations, wie man die Menschen nennt, die vor den Europäern dort lebten. Im Nationalmuseum kann man ihre Geschichte kennenlernen und ihre grafische Schrift mit den Punkten sehen, sie waren einfach zu wenig, um die europäischen Einwanderer dauerhaft aufzuhalten. Begriffe wie Indianer oder Inuit werden heute von vielen dort als unangemessen empfunden, ich kann das nachvollziehen. Es gibt Parallelen zu Grönland, aber das ist eine andere Geschichte.
Ehrfurcht
Aber diese koloniale Vorgeschichte, sie spielte sowieso keine Rolle für mich dort oben in einem der roten Adirondack-Stühlen, in denen ich an diesem großen Fluß saß, und über die Welt und mein Leben nachdachte und einfach nur Ehrfurcht empfand gegenüber der Schöpfung. In "le Canada", einem Land, das uns einerseits manchmal sehr ähnlich, andererseits aber doch so völlig verschieden ist von unserer eigenen Heimat hier. Es ist ein Land im Aufbruch, und wer weiß, angesichte der unsicheren Weltlage werden sich die Kanadier vielleicht sogar uns Europäern noch mehr annähern. Für uns wäre das auch gut. Denn wir teilen nicht nur unsere Geschichte - sondern auch viele Werte.




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