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Die Macht der Musik

  • Autorenbild: Gunnar Petrich
    Gunnar Petrich
  • 5. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Feb.

Tonarm eines Plattenspielers - schwarze Schallplatte  also  LP mit gelben Logo

Seit kurzem lege ich wieder Schallplatten auf. So wie früher, in den Zeiten vorm Streaming. Glücklicherweise besitze ich noch einen Plattenspieler aus den 80igern. Jahrelang stand er herum, irgendwann war es dann so weit und ich wollte mal wieder analoge Klänge hören. Anfangs klappe es nicht, denn der alte Riemen war ausgeleiert. Glücklicherweise gibt es dafür Ersatzteile. Dann waren nur noch die Boxen an die fast schon historische HiFi-Anlage anzuschließen, und das war’s dann. Schallplatten sind magisch, man holt diese tiefschwarzen Scheiben vorsichtig aus ihren Papierhüllen und legt sie auf den schweren Druckguss-Teller. Dann führt man den Arm über die LP und senkt das System mit der Nadel hydraulisch ab. Ich besitze keine keine teure Anlage, meine stammt noch aus Studi-Zeiten, ein alter Receiver mit alten Boxen. Aber alles klingt noch immer sehr ordentlich, ab und zu knistert es oder man hört Kratzer der Platten. Seitdem kann ich mich wieder am warmen Sound analoger Tonträger erwärmen. Nach 18, 19, 20 Minuten ist der Spaß vorbei. Schade. Und trotzdem schön.


Geborgenheit


Eine meine frühen musikalischen Erinnerungen kreist um das Te Deum, dieses grandiose Werk von Marc-Antoine Charpentier, das seit 1964 als Eurovison Fanfare genutzt wird. Gehört habe ich diese Musik und andere Werke von Bach, Händel und all den anderen Meistern zum ersten Mal als kleines Kind. Wir lebten damals im zweiten Jahr unserer Flucht aus der DDR. als vierköpfige Familie im Wohnzimmer einer kleinen Wohnung in der Nähe von Heidelberg. Ich ging in den Kindergarten, meine Eltern waren beide berufstätig. Aber kleine Kinder werden ab und zu krank und dann blieb ich bei Mama daheim, die glücklicherweise nicht täglich arbeiten musste. Wir hatten ein Radio, eins mit Glas-Skala und mit einer dieser grünen Leuchtröhren, einem magischen Auge, und dort lief häufig das Vormittagsprogramm von SWF 2, ein toller Kultursender, der damals noch existierte. Nicht nur Carpentier, klassische Musik hat mich seitdem oft tief berührt, mehr als das Klavierspiel meines Vaters, an das ich mich kaum noch erinnere. Ich konnte seinerzeit leider kein Instrument lernen, sondern erst viel, viel später. Aber das ist eine andere Geschichte.


Gänsehaut


Mit 17 hörte ich erstmals die Zauberflöte in Mannheim und Mozarts populärste Oper hat mich mit ihrer ästhetischen Perfektion, ihrer Raffinesse und mit ihren vielen „Hits“ einfach umgehauen. Diese Oper ist einerseits witzig, anderseits tiefgründig, in der Geschichte geht es ja nicht nur um einen Vogelfänger auf Freiersfüßen, sondern um zentrale Fragen unseres Lebens: Was bedeutet Macht, was Vertrauen und was ist Liebe. Natürlich habe ich als Kind und später als Teenager meistens völlig andere Musik gehört, die angesagte Musik dieser Jahre, Motown, Rock, Pop und Underground, wie das damals hieß. Meine erste eigene Schallplatte war eine Single von den Beatles, die ich in einer kleine Stadt in der Pfalz kaufte. Ich hörte mich kreuz und quer durch die populäre Musik. Und entdeckte dank meines Bruders und anderer Menschen dann die anderen Klänge des Blues und Jazz.


Live is Life


In diesen Jahren ging ich oft in Konzerte und als ich älter war, besuchte ich regelmäßig den sog. Midnight-Jazz im Haus der Jugend Ludwigshafen und Konzerte in der Mannheimer Feuerwache. Ich hörte Bands wie Jethro Tull, später John L. Hooker und Singer-Songwriter wie Joni Mitchell oder neulich erst Bruce Springsteen im Frankfurter Fußball-Stadion. Großartige Konzerte, nicht zu laut. Ich fuhr zu den Jazztagen nach Moers, erlebte Joe Henderson in London und Jan Garbarek in Heidelberg. Mit einer Freundin, die kurz darauf tragisch bei einem Verkehrsunfall verstarb. Inzwischen besuche ich fast nur noch Konzerte mit klassischer Musik. Werke, bei denen Solisten, Duos, Trios, machmal 20, 30, 40, 50 Musikerinnen und Musiker zusammenwirken, mit Sängern und Sängerinnen. Ich erlebe Künstler, die es schaffen, mich in ihr Universum der Klänge zu entführen. Ich höre Opern und Kantaten, die zum letzten Mal vor über 250 Jahren erklangen und kann es nicht fassen, wie spannend diese Musik bis heute geblieben ist. Wie haben die Menschen damals zu Telemanns Zeiten sie erlebt, als er diese Werke schrieb? Es ist wie mit der Liebe. Eine Welt ohne Liebe, eine Welt ohne Musik kann ich mir nicht vorstellen - denn Musik bewegt uns alle: Und glücklichweise ohne KI mit ihren LLMs: Das ist etwas, was unbedingt bleiben soll.

 
 
 

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