Alte Meister
- Gunnar Petrich

- 23. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Vor einigen Tagen habe ich mich in den Zug gesetzt und bin nach München gefahren. Früher war ich oft dienstlich mit der Bahn unterwegs, traf spannende Menschen und berichtete über ihre Geschichten. Heute ist Bahnfahren (meistens) immer noch schön, man muss nur flexibel sein wegen der allgegenwärtigen Baustellen und Störungen. An diesem Tag war ich bereits nach vier Stunden und 10 Minuten in der Stadt an der Isar, in der ich immer wieder so viel Neues entdecke. Letztes Jahr das Lenbachhaus und die Glyptothek und dieses Mal wollte ich mal wieder die Alte Pinakothek erkunden. Das Gebäude selbst ist rund 190 Jahre alt und beherbergt eine der „bedeutendsten Gemäldegalerien Europas“, wie es im Netz heißt. Die Kriegsschäden wurden auf eine Weise integriert, dass man die Spuren der Bombentrichter noch heute sehen kann.
Himmlische Bilder
Innen gibt es seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ein imposantes Treppenhaus, das das Haus je nach Sonnenstand quasi von innen erleuchtet. Wer nicht im Erdgeschoss bleibt, steigt über diese monumentalen Treppen in einen „Himmel“ voller Kunst. „Erleben und Staunen“ lautet der Claim auf einem der Werbeposter draußen - und das ist keine Untertreibung. Denn aus dem Staunen kommt man tatsächlich nicht mehr heraus. Egal ob Dürer oder Rubens, egal ob Raffael oder Tizian, egal ob Leonardo da Vinci oder Altorfer, egal ob Jan Breughel d.Ä. oder Rembrandt - in der Alten Pinakothek sind sie alle unter einem Dach: Die „Alten Meister“ aus Deutschland, Italien, den Niederlanden, Frankreich usw.
Staunen
Darunter sind viele sog. „Hauptwerke“, also Bilder, die ganz besonders raffiniert und exzellent sind. Viele kannte ich, einige sind ikonographisch und von unschätzbarem Wert. Dürers Selbstbildnis etwa oder Breughels Schlaraffenland und, und und. Manche Werke sind überraschend kleinformatig, andere sind einfach durch ihre schiere Größe umwerfend. Manche sind ernst, andere leicht und man darf und sollte sich auch einfach mal setzen, schauen und staunen. Natürlich gibt es rund um die Bilder in einem Pocket Guide via Smartphone spannende Geschichten zu hören und über alle diese Werke gibt es sowieso unendlich viel kunsthistorisches Wissen und Literatur. Seit einiger Zeit spielt die Provenienz- forschung eine wichtige Rolle. Kunstfreunde wollen wissen, unter welchen Umständen die Werke ins Museum gekommen sind und ob das wirklich alles mit rechten Dingen zuging. Stichwort: Raubkunst. Aber das ist eine andere Geschichte.
Storytelling
Mich hatte neulich der aktuelle Titel “Storytelling“ neugierig gemacht, denn unter diesem Thema läuft bis 5.Juli 2026 eine Ausstellung mit ausgewählten Bildern von Albert Altdorfer bis Peter Paul Rubens. Die Herangehensweise ist klassisch UND spannend und man lernt viel über die wenigen dort vorgestellten Maler, ihren Stil und die Art, wie sie ihre Geschichten inszenieren. Mich erinnert es fast ein wenig an aktuelle Kultserien wie etwa „Stranger Things“ auf Netflix. Auch „Alte Meister“ wussten, wie man Zuschauer bzw. Betrachter fesselt, wie man Cliffhanger einbaut und uralte Menschheitsgeschichten neu erzählt. Verbrecher, böse Menschen und Mörder gab es auch damals ebenfalls zuhauf und in den Bildern tauchen manchmal Monster auf, die einem bis heute das Gruseln lehren.
Kosmos der Bilder
Es gibt betrügerische Anwälte, die ihre naiven Klienten übers Ohr hauen wollen ebenso wie Menschen, die mit ihrer Armbrust direkt aufs Auge des Betrachters zielen. Bilder können tödlich sein, theoretisch jedenfalls. Alles in allem verbrachte ich einige Stunden im Museum, natürlich mit Pausen, die man dringend braucht. Es wirkte wie Binge Watching bei manchen Serien: Wenn man einmal angefangen hat, ist es schwer, abzubrechen. Immer wieder habe ich gestaunt über das stupende Können der „Alten Meister“ - wie es ihnen gelingt, mit Farben, Licht und Schatten die Welt einzufangen und uns helfen, sie besser zu verstehen. Vor einem Jahr lernte ich in München die Welt der Rachel Ruysch kennen, einer erfolgreichen Amsterdamer Malerin und Meisterin der Stillleben, die im 17. und 18.Jahrhundert wirkte. Dieses Mal sah ich fast nur Bilder von Männern. Darunter ein unglaublich schönes Werk des geniales Malers Hans Baldung gen. Grien, der es 1516/15718 schafft, den hauchdünnen Schleier von „Maria als Himmelskönigin“ quasi fotorealistisch zu malen. Ein atemberaubend schönes Werk, das kürzlich erworben wurde. Und ein Werk, das bleiben soll und bleiben wird.




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